15-07-09
"Liegt Krümmel nicht in Geesthacht?"
Von Olaf Kührmann
Geesthacht - »Ich kann es nicht fassen. Mir fehlen da einfach die Worte«. Lisa Oechtering ringt nach Luft, sucht nach Erklärungen.
Noch vor wenigen Minuten hat sie während der Einwohnerfragestunde vor der Geesthachter Ratsversammlung gestanden, ihren Gedanken freien Lauf gelassen. Nun, vor der Tür des Ratssaales versucht sie, das eisige Schweigen, das scheinbare Desinteresse an ihren Worten zu verarbeiten. »Ich fühle mich mit meiner Familie doch sehr wohl in Geesthacht«, begründet die Geophysikerin ihr Engagement, bevor sie das Rathaus verlässt.
Abgesehen von einem Dringlichkeitsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Atomkraftwerk Krümmel sah die Tagesordnung der 6. Sitzung der Ratsversammlung am Freitag abend keine Diskussionen über das Kernkraftwerk Krümmel und deren Betreiber Vattenfall vor. Während ganz Deutschland über das Chaos bei Vattenfall und die damit verbundenen Gefahren für Hunderttausende Menschen diskutiert, herrscht in Geesthacht weitestgehend Schweigen. Und so lag nichts näher als die Frage »Liegt Krümmel nicht in Geesthacht?«, die Lisa Oechtering an die in der Geesthachter Ratsversammlung vertretenen Fraktionen und Bürgervorsteher Peter Groh richtete. Wir zitieren Lisa Oechtering an dieser Stelle: »Mich bringen die Ereignisse im Geesthachter Ortsteil Krümmel dazu, hier eine Bürgeranfrage zu stellen.
Seit den Störfällen im Atomkraftwerk vom 28.6. und 4.7. füllen Artikel und Kommentare zu Krümmel seitenweise die Zeitungen und Internetportale. Nicht nur lokale Medien, gerade auch überregional wird über die Störfälle und besonders die Zukunft des Atomkraftwerks diskutiert.
Hier und da ist zu lesen, dass Krümmel in der Nähe Geesthachts liegt.
Ich fühle mich als Bürgerin dieser Stadt sehr betroffen davon, dass es keinerlei Reaktionen der Stadt hierzu gibt. Weder die Stadtverwaltung, noch der Bürgervorsteher und noch nicht einmal die Fraktionen der Ratsversammlung haben öffentliche Erklärungen zur jetzigen Situation abgegeben. Sie überlassen es leider ausschließlich dem Betreiber, auf relativ plumpe Art und Weise als »Nachbar« an die Öffentlichkeit zu gehen.
So frage ich sie jetzt:
1. Wie bewerten sie (Stadtverwaltung, Bürgervorsteher und Fraktionen) die aktuelle Störfallsituation des Kernkraftwerks Krümmel für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt?
2. Welche Perspektive sollte das Kernkraftwerk hinsichtlich des Weiterbetriebs oder womöglich der endgültigen Stilllegung haben, dies vor dem Hintergrund von Gesundheit und Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger sowie dem Image der Stadt, da sie (Stadtverwaltung, Bürgervorsteher und Fraktionen) für beide Themen ausdrücklich zuständig sind.
Ich bitte um öffentliche Beantwortung durch die Fraktionen und durch den Bürgervorsteher.«
Der Dringlichkeitsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (der Wochenend-Anzeiger berichtete am 10. Juli) fiel am Freitag mit 15 gegen 15 Stimmen durch. Geesthachts Bürgervorsteher Peter Groh: »22 Stimmen wären nötig gewesen, um den Dringlichkeitsantrag zu beschließen.« Mit dem Antrag hatten die Grünen eine Wiederinbetriebnahme des Kernkraftwerks Krümmel verhindern wollen. Doch CDU und FDP sehen für solch einen Antrag keine Dringlichkeit: CDU-Fraktionsvorsitzender Karsten Steffen: »Eine Dringlichkeit kann ich nicht erkennen, da der Meiler nun für acht bis neun Monate stillsteht.«