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04-12-09

Zivilcourage als Nächstenliebe

 


Barbara und Friedrich Strauer: Nächstenliebe ganz praktisch geübt.Foto: Olaf Kührmann

Geesthacht (ok) - Sie saufen, pöbeln, prügeln und töten: Deutsche Jugendliche erobern mit Gewalt Stück um Stück Städte und Gemeinden. Der Staat versagt auch hier immer deutlicher, schließlich wird die Bundesrepublik am Hindukusch verteidigt. Gut, dass es da noch Menschen gibt, die für andere da sind, wenn Not am Mann ist. Zwei dieser wenigen Menschen sind Barbara und Friedrich Strauer aus Geesthacht.


Seit zwei Jahren erleben der 65-Jährige und seine Frau Barbara immer wieder, wie ganz in der Nähe ihres Reihenhauses am Klaus-Groth-Weg in Geesthacht Jugendliche, die mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen, Anwohner belästigen, auch eine fahrlässige Tötung ganz entspannt in Kauf nehmen. Denn die Steine, die immer wieder in den Garten der Familie fliegen, könnten sehr schnell einen Menschen treffen. Na und? Strauers schützen sich, indem sie den Garten nur benutzen, wenn es ungefährlich scheint. Denn der einzige besetzte Streifenwagen, der üblicherweise für den Raum Geesthacht zur Verfügung steht, kann schließlich nicht überall sein. Und solange es keine Opfer gibt, kann die Polizei sowieso nicht handeln.

 
Doch was Friedrich und Barbara Strauer am 19. Oktober vor ihrer Haustür erlebt haben, ging über die Grenze des Zumutbaren. Denn der Krach unter Jugendlichen eskalierte derart, dass das Rentner-Ehepaar eingreifen musste. Ein 15-Jähriger – der ‧älter wirkte, wie sich Barbara Strauer erinnert – habe einem Mädchen »eine brutale Kopfnuss« verpasst, sagt ihr Ehemann. Eine zweite Jugendliche, wie sich später herausstellen sollte die Schwester des Täters, habe eine Fußtritt erhalten. Dann habe der Täter ein Opfer in den nahen Wald gezerrt. Dazu »panisches Geschrei«. Friedrich Strauer: »Ich habe gerufen, ob ich helfen soll.« Daraufhin habe ihm der 15-Jährige gedroht. Doch das Ehepaar ließ sich nicht beirren. Es rief die Polizei, die auch schnell gekommen sei, und behielt bis zum Eintreffen der Beamten die Gruppe im Blick. »Etwas Selbstverständ‧liches«, sagt Friedrich Strauer heute. »Das ist unsere Art der Nächstenliebe.« Denn die Strauers wissen, dass die Jugendlichen ihre Adresse kennen. Und sie wissen auch, dass sie – falls es zu einem Gerichtsverfahren kommt – als Zeugen aufgerufen werden. Eine Situation, die in diesem Land immer mehr Menschen verstummen lässt. Denn – auch wenn es keine polizeiliche Kriminalstatistik registriert – sehr viele Menschen schweigen in Deutschland aus Angst vor Rache.

 
Mit einer Ehrenurkunde hat Geesthachts Bürgervorsteher Peter Groh das Ehepaar Strauer am Mittwoch geehrt, die beiden mutigen Menschen als »Vorbilder« bezeichnet. Während Geesthachts Politik mit dem aus dem Jahre 2004 stammenden Beschluss, »Zivilcourage« zu ehren, vielleicht zunächst sich selber würdigen wollte, sieht Friedrich Straube die Sache gelassen: »Jeder Mensch sollte im Leben einmal etwas ganz Besonderes machen.« Womit er nicht das couragierte Vorgehen gegen junge Schläger meint, auch nicht den Tag, an dem er an der Autobahnabfahrt Moorfleet den Fahrer eines umgekippten Betonmischers aus dem brennenden Fahrzeug rettete. Sondern vielleicht den Tag, an dem der leidenschaftliche Bergsteiger den Kilimandscharo besiegte. »Aber was das Besondere ist«, sagt der Pensionär, »muss jeder Mensch für sich entscheiden.«



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