07-08-09
"Warum haben diese Leute weggesehen?"
Von Olaf Kührmann
Geesthacht - Das Bild ist in Deutschland längst alltäglich: Säufer pöbeln Passanten an, zerschlagen Flaschen auf den Straßen. Und manchmal auch, wie vor wenigen Tagen erst in der Schweriner Innenstadt, auf den Köpfen von Polizeibeamten. Oder, wie in der vergangenen Woche in Lauenburg, als drei Trinker, die eine Bushaltestelle im Glüsinger Weg zerstört hatten, Polizeibeamte mit Faustschlägen traktierten.
Inzwischen kann es jeden überall treffen.
Und da Zivilcourage nicht zu den Tugenden der Deutschen gehört, sehen fast alle weg. Fast alle. Nicht jedoch eine 71-jährige Geesthachter Rentnerin, die mit ihrem Gehwagen gerade einen Bus auf dem Geesthachter Busbahnhof verlassen hatte.
Gegen Mittag des betreffenden Tages »wurde ein auf den Bus wartendes zehnjähriges Mädchen, das auf einer Bank saß, von einem Angetrunkenen massiv belästigt«, schreibt Polizeikommissar Uwe Benn später an den Fachdienst Soziales der Stadt Geesthacht. »Das Kind zitterte und weinte bereits und wollte sich dem Zugriff und den Annäherungen des Betrunkenen entziehen, indem es aufstand und sich neben die Bank stellte. Doch der Betrunkene ließ nicht nach, stand auf und drückte das Mädchen mit seinem Körper an die Wand. Während andere Erwachsene einfach nur so herumstanden und sich um die Angelegenheit nicht kümmerten«, habe die Rentnerin die Situation erkannt: Hier benötigt ein Kind dringend Hilfe.
Die Frau sei dem Betrunkenen selbstbewusst gegenübergetreten, habe das Mädchen von ihm weggezogen, sich um das Kind gekümmert. Sie habe den Betrunkenen sogar noch von dem Kind ferngehalten, als der versucht habe, das Mädchen weiter zu belästigen. Hilfe von anderen Personen habe die Rentnerin nicht erhalten.
Zivilcourage ist eben des Deutschen Sache nicht.
Die Rentnerin habe dann die Polizei informiert, die habe den Täter festgenommen.
Karin Stamer, die Rentnerin, die dem Säufer mutig entgegengetreten ist, fragt sich später: »Warum haben die Leute weggesehen?« Sie habe vier Enkelkinder, nicht auszudenken, wenn denen Ähnliches passiert wäre und niemand geholfen hätte.
Dass sich Karin Stamer selbst in Gefahr begeben hat, hatte sie zunächst ausgeblendet. Und auch die Polizei rät nur »situationsabhängig« dazu, alleine einzugreifen. Richtiger sei es, Umstehende dazu aufzufordern, gemeinsam dem Täter Paroli zu bieten. Und dann die Polizei zu rufen.
Dem Polizeikommissar war es wichtig, der Stadtverwaltung Geesthacht mitzuteilen, dass es in der Stadt auch mutige Menschen gibt. Der Stadt wiederum war diese Tat eine Ehrung wert. »Ich bin wirklich stolz, dass wir so jemanden in unserer Mitte haben«, sagte der amtierende Bürgermeister Dr. Volker Manow. Und überreichte Karin Stamer neben einer Urkunde 100 Euro, die die Rentnerin jedoch gleich an Ilse Timm vom Verein »Hilfe für das schwerkranke Kind« weitergab.
Doch was ist eigentlich, wenn wieder einmal ein Mensch belästigt wird, und Karin Stamer nicht zufällig gerade in der Nähe ist?