11-06-09
Zwischen Mitleid und Distanz eine tragbare Mitte finden...
Mölln (ml) - Es ist ein sonniger Nachmittag, eine ältere Dame will auf dem Weg zum Kaffeeklatsch bei einer Freundin schnell noch etwas einkaufen und ist in Gedanken schon bei anregenden Gesprächen, da schlägt ihr jemand von hinten mit einem harten Gegenstand auf den Kopf. Sie stürzt, ihre Handtasche wird ihr entrissen, sie verliert kurz das Bewusstsein. Im Krankenhaus wird die Wunde genäht, schnell ist sie verheilt. Das Geld ist weg, Papiere müssen neu beschafft werden, aber sonst? Kein bleibender Schaden? »Der Schock! Die Angst bleibt! Dunkelheit, einsame Parks meidet man. Hinter jeder Ecke fürchtet man Schreckliches. Albträume plagen einen im Schlaf. Das Ganze war vergleichsweise harmlos und doch von einschneidender Bedeutung für das Opfer«, weiß Ingrid Bosert. Sie hat sich als ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Weißen Ring im Rahmen der Opferhilfe um die Seniorin gekümmert. Schon ein Gespräch ist manchmal hilfreich, wie sie festgestellt hat.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es Hilfe für Straftäter. »Aber wenn der Täter so sehr im Mittelpunkt des Interesses steht, wo bleibt da das Opfer?« Diese Frage beschäftigte den Journalisten Eduard Zimmermann (XY ungelöst), gemeinsam mit anderen, 1978 den Weißen Ring zu gründen, der Opfer von Straftaten in vielfältiger Weise, gegebenenfalls auch finanziell, unterstützt.
»War die Hilfe zu Gründungsbeginn noch weitgehend intuitiv, so ist sie heute durch Pflichtseminare für alle Aktiven professionell«, erläutert Ingrid Bosert, die vor 27 Jahren durch einen Infostand auf einer Messe in Kiel auf den Verein aufmerksam wurde und seither aktives Mitglied ist. Sie hat sogar fünf Jahre die Außenstelle in Kiel geleitet und sich dort einen Mitarbeiterstab aufgebaut, »das war damals noch nicht so üblich.« Vor fünf Jahren hat die pensionierte Realschullehrerin ihren Wohnsitz von Kiel nach Mölln verlegt – klar, dass sie sich auch von hier aus weiterhin in der Opferhilfe engagiert. Vor einem Jahr hat die 86-Jährige trotz ihrer langjährigen Erfahrung, sie wird jährlich bei fünf bis acht Straftaten zurate gezogen, ein Semi‧nar des Weißen Ringes mitgemacht.
Gerade hat sie im Augustinum in Mölln einen Vortrag über den Weißen Ring gehalten, der sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Nachlässe und Bußgelder finanziert, und appellierte auch dort an die Zuhörer: »Je mehr Menschen hinter einer Idee stehen, desto wirksamer kann der Verein seine Ziele verfolgen.« Derzeit hat der Weiße Ring 3.443 Mitglieder in Schleswig-Holstein. Der Mindestbeitrag liegt übrigens bei 2,50 Euro monatlich. Im nächsten Jahr will Ingrid Bosert, die auch zehn Jahre an deutschen Schulen in Teheran und Mailand gearbeitet hat, sich im Verband Deutscher Lehrer im Ausland engagiert, gern reist und Musik liebt, ihre aktive Tätigkeit für den Weißen Ring beenden: »Dann bin ich 87 - dann reicht es.«