11-10-07
Zeitzeugen zum Untergang der Pamir
Am 21. September vor fünfzig Jahren sank die Viermastbark Pamir, die als Segelschulschiff mit einer Ladung Gerste auf dem Rückweg von Buenos Aires nach Hamburg war, etwa 600 Seemeilen südwestlich der Azoren im Hurrikan »Carrie«. Es konnte nie genau geklärt werden, was zum Untergang des Schiffes geführt hat.
Nur sechs der 86 Seeleute konnten gerettet werden, obwohl 78 Schiffe aus 13 Ländern sieben Tage lang nach den Vermissten suchten. Auch elf Flugzeuge waren im Einsatz. Am 23. September entdeckte die Besatzung des New Yorker Dampfschiffes Saxon eines der schwer beschädigten Rettungsboote mit fünf Überlebenden.
Einer von ihnen ist Karl-Otto Dummer. Der damals 24-Jährige war Kochsmaat und Proviantmeister und hatte bereits auf anderen Schiffen Erfahrung in der Seefahrt gesammelt. Durch Vermittlung seines Aumühler Freundes Max Tiefenbacher kam er jetzt gemeinsam mit dem Arzt Joe Lindner, 78 aus South Carolina zum Zeitzeugengespräch ins Augustinum Aumühle.
Lindner fuhr als Schiffsarzt auf dem US-Truppentransporter Geiger, der die müden und durstigen Überlebenden am Tag nach der Rettung übernahm. »Damals wurde der Grundstein zu einer lebenslangen Freundschaft gelegt«, sagt Dummer. Bereits im Jahr der Rettung besuchte Lindner Karl-Otto Dummer, der damals bei seinen Eltern in Geesthacht lebte, zum ersten Mal.
Auf die Frage, was er damals beim Untergang empfunden habe, sagt Dummer: »Das kann ich nach fünfzig Jahren doch gar nicht mehr richtig schildern. Wenn Sie fünf Leute fragen, werden Sie von jedem eine andere Darstellung bekommen.« Allerdings ist er überzeugt: »In dem Augenblick, wo jemand Angst hatte, ist er kaputtgegangen.« Er sei kein Held, aber vom ersten Augenblick an fest davon überzeugt gewesen, dass er gerettet würde. »Denn von dem Augenblick an, wo man sich hängen ließ, war Feierabend.«
Am 24. September fand die Absecon, ein Schiff der US-Küstenwache, den sechsten Überlebenden auf der Reling eines ebenfalls schwer beschädigten Rettungsbootes. Der Untergang der Pamir leitete das Ende der Pflicht-Segel-
ausbildung in der deutschen Handelsschifffahrt ein. Damit war weltweit die Ära der großen Segelschulschiffe unter Fracht vorbei.
Karl-Otto Dummer blieb der Seefahrt noch zwei Jahre treu, dann wechselte er sein Berufsgebiet, studierte Betriebswirtschaft und übernahm führende Positionen bei verschiedenen Warenhauskonzernen. Seine Erlebnisse auf der Pamir verarbeitete er als Mitautor mehrerer Bücher. Heute lebt er in Lütjenburg.
Joe Lindner arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor in den USA. Der Arzt sagt: »Ich glaube, die anderen vier in dem Boot überlebten dank Adolf.« Erstaunt ist Lindner darüber, dass es in Deutschland keine Gedenkstätte gibt, die an den Untergang erinnert.