22-12-09
Weihnachten auf Südamerikanisch
Schwarzenbek (jns) – Deutschland zeigt sich ihm von seiner besten Seite: Seit Ende der Schulferien im Sommer 2009 lebt der Kolumbianer Bryam Bayona bereits in Deutschland, noch bis Anfang November suchte er eine neue Gastfamilie (wir berichteten) und nun hat er für den Rest seines Auslandsjahres eine neue Bleibe in Schwarzenbek gefunden und damit die Möglichkeit, diese auch für Einheimische überraschend winterliche Weihnachtszeit mitzuerleben. Ein Traum für jemanden, der Schnee bisher nur auf Hochgebirgsgipfeln fern am Horizont sah.
Jetzt ist der Schnee zum Greifen nahe. Gleich bei den ersten Millimetern weißer Bodenbedeckung lief Bryam in den Garten, um einen Schneemann zu bauen, den er bis dato nur in weihnachtlichen Hollywood-Streifen gesehen hatte. Aber auch sonst ist so vieles hier in Deutschland neu für den 17-Jährigen. Noch nie zuvor hatte er einen Adventskranz gesehen, Plätzchen gegessen – geschweige denn gebacken, noch nie hatte er Stollen probiert oder seine Stiefel für den Nikolaus rausstellen müssen. All diese Traditionen sind Neuland für den Kolumbianer.
Auch das alljährliche Tannenbaumschlagen hatte er bis zum vierten Adventswochenende noch nicht gekannt. Zwar hat man in Kolumbien auch Christbäume in den Wohnzimmern stehen, mangels Nadelwäldern allerdings Plastikbäume. Auf das Tannenbaumschlagen folgte eine weitere völlig neue Erfahrung für den Lateinamerikaner: Rodeln gehen. Noch nie hatte er in seiner Heimat die Gelegenheit, verschneite Hänge mit dem Schlitten herabzurutschen – dementsprechend unbeholfen der erste Versuch: Nachdem die Frage geklärt war, wie herum der Schlitten denn zu benutzen sei, zeigte sich, dass auch die Lenkung gelernt sein will. Wie aber, wenn doch anscheinend so anders, sieht Weihnachten in Kolumbien aus?
Was kulturenübergreifend gleich ist: Heiligabend wird auch in Kolumbien gefeiert. Nur in wenigen Ländern feiert man an diesem Tag. In den USA beispielsweise ist erst der 25. der Tag, an dem Geschenke ausgetauscht werden.
Worin sich die kolumbianische Kultur allerdings unterscheidet, ist, dass die Geschenke nicht erst am Abend durch den Weihnachtsmann überbracht werden, sondern schon am Morgen unter dem Christbaum liegen. Zwar hören die Kinder auch in Kolumbien Geschichten von »Papa Noel«, allerdings kommt der still und heimlich in der Nacht zum 24. und die Kinder bekommen ihn somit nie zu sehen, wie hier ja teilweise üblich. Den Adventssonntagen kommt in Kolumbien nicht so viel Bedeutung zu, stattdessen wird der 7. Dezember gefeiert, das Fest der Kerzen, an dem die Wohnstuben prunkvoll mit Dutzenden von Kerzen erleuchtet werden, die dann den ganzen Abend über bis in die Nacht hinein brennen, und am 15. Dezember kommt die ganze Familie zum Singen und Beten zusammen. Auch am Abend des 24. Dezember wird in der Regel gebetet, denn die Kolumbianer verbringen den Abend in der Kirche.
Weihnachtsmärkte und Adventskalender sind in Kolumbien unbekannt. Aber wer weiß, vielleicht werden diese ja schon bald zu deutschen Kulturexportschlagern, denn unabhängig von der Nationalität lassen sich davon fast alle Gäste, die Weihnachten in Deutschland erleben, begeistern.
Fragt sich nur, ob bei 32 Grad Celsius, die aktuell in Bryams Heimat herrschen, auch der obligatorische Glühwein zum Weihnachtsmarktbummel schmeckt ...